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18.03.2011 | ArtikelTherapeut in der Rolle des Narren
Stichworte
Stress, Burnout, Stressbewältigung, Doris Kirch, Ratgeber
Mit ihrem Anti-Ratgeber „12 Goldene Regeln für Stress-Junkies“ hält Doris Kirch allen Workaholics und Stress-Süchtigen einen unterhaltsamen, vor allem aber lehrreichen Spiegel vor. Im Interview bietet sie den SB-Lesern einen Vorgeschmack auf die eigenwillige Lektüre.
Wie geht der Stress-Junkie am besten mit Zeit um? Was raten Sie ihm?
Kirch: Wer im Physikunterricht aufgepasst hat, weiß, dass Zeit relativ ist. Was Einstein einst umständlich berechnete, wissen Stress-Junkies aus Erfahrung. Aus ihrem Blickwinkel generieren sie durch Quantität mehr Qualität. Das bedeutet, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel zu bewegen und das Ganze dann durch Schnelligkeit zu verdichten. Daraus folgt, je höher der Stress, desto befriedigender ihr Gefühl für Zeit-Qualität. Als sehr hilfreich hat sich außerdem erwiesen, die Zeitspanne zwischen Gedanken und Taten zu verkürzen. Das schafft Freiräume für weitere Umtriebigkeiten. Dass bei diesem Tempo mal was den berühmten Bach heruntergeht, stört den Stress-Junkie wenig. Denn er weiß, ein wenig Schwund ist immer.
Selbst Albert Einstein soll im leeren Schreibtisch einen leeren Geist gesehen haben. Welchen Tipp haben Sie für die Anhänger von „Multi-Tasking“ und „kreativem Chaos“?
Kirch: Der überquellende Schreibtisch ist schon mal ein vielversprechender Ansatz. Die ohnehin tiefsitzende Abneigung gegen alles Geordnete, Organizer, Checklisten, Tagespläne und Pünktlichkeit zu pflegen, kann sich ebenfalls als hilfreich erweisen. Als echter Stress-Junkie sollte man Prioritäten immer spontan setzen und sich angewöhnen, die zehntausend E-Mails im Posteingang mühelos im Blick zu behalten. Was über Tag nicht geschafft wurde, kann in der Nacht abgearbeitet werden, denn ein Stress-Junkie arbeitet ohnehin nur halbtags – also 12 Stunden.Den Stoff für seine Sucht findet der Adrenalin-Junkie nicht nur im Beruf, sondern auch im Familienleben.
Was sind die geeigneten Situationen, um sich so richtig unter Stress zu setzen?
Kirch: Im Rahmen des „Familienunternehmens“ lässt sich tatsächlich mächtig an der Stress-Schraube drehen. Am besten beginnt man den Tag damit, sich den Wecker so zu stellen, dass man es nur ganz knapp schafft, die Schulbrote für die Youngster zu schmieren und sie zur Schule zu karren. Ein wahrer Stress-Junkie sollte alle Termine für Erledigungen, Behördengänge, Friseur und Autoinspektion im Kopf verwalten. So richtig ins Schwitzen kommt er dann, wenn er versucht, sie sinnvoll mit den Arzt-, Musik- und Sportterminen des Nachwuchses abzustimmen – natürlich im Kopf. Das ist Gehirnjogging und hält die kleinen grauen Zellen fit. Wer da noch richtig eins draufsetzen möchte, sollte alle nur möglichen Ehrenämter bekleiden, wie Elternsprecher im Kindergarten und in der Schule, Vorsitzender des Schulfördervereins und dergleichen.
Das Ignorieren körperlicher Beschwerden scheint der Königsweg zum Burnout zu sein. Was sind die häufigsten Symptome und wie werden diese „richtig“ gepflegt?
Kirch: Die Erkenntnis der psychoneuroimmunologischen Forschung, dass Körper und Geist sozusagen miteinander kommunizieren, ist für den Stress-Junkie eine eher lästige Erkenntnis. Denn mit dem Bild einer funktionierenden Arbeitsmaschine kann er sich besser identifizieren. Wenn Sie Kopfschmerzen haben, sorgen Sie für Ruhe im Headquarter, indem Sie zwei Aspirin einwerfen. Wenn Sie Probleme mit dem Herzen haben, weil es unter emotionalem Mangel leidet, dann schauen Sie öfter einen herzerweichenden Rosamunde-Pilcher-Film an. Und für die bekannten schlaflosen Nächte nehmen Sie sich einfach Arbeit mit nach Hause. So vermeiden Sie Leerzeiten.
Bei allem Respekt für Ihre Schreibe, haben Sie keine Angst, dass man Ihnen Respektlosigkeit und Spötterei vorwirft?
Kirch: Wieso haben zu royalen Zeiten Hofnarren nie ihre Köpfe verloren? Sie waren die Einzigen, die dem König die Wahrheit sagen durften. Sehen Sie mich als einen Hofnarren, der die Leser kopfüber hängen lässt, um ihnen einen neuen Blickwinkel auf alte Wahrheiten zu verschaffen, und der ihnen parallel dazu einen Spiegel vorhält. Spiegelung ist eine therapeutische Methode und Satire muss kein Spott sein. Für mich ist das Thema zu ernst und ich habe zu viel Mitgefühl mit den Betroffenen, um über ihre Situation zu spotten. Aber um gerade die Betroffenen mehr für das Thema Stress zu sensibilisieren, war ich mir nicht zu schade, in die Robe des Narren zu schlüpfen.
Was hat Sie zu dem Schreibstil veranlasst?
Kirch: „Stress-Junkies“ haben keine Zeit für Stressbewältigung. Meine Botschaften für ein entspannteres Leben verhallen deshalb häufig ungehört beziehungsweise bleiben ungelesen. Aus diesem Grunde habe ich mich entschlossen, aus meinem Gedankengut für ein entspannteres Leben eine Comedy in Lettern zu gestalten. Die kurzweiligen Kapitelchen kann der Stress-Junkie mühelos im Laufschritt zwischen zwei Terminen „wegschwarten“.
Welche Menschen hatten Sie beim Verfassen besonders im Auge?
Kirch: Meine „Zielgruppe“ sind Personen, denen die Selbstwahrnehmung durch Stress bereits so weit abhanden gekommen ist, dass sie vollmundig bekennen, ihren Stress zu „brauchen“. Ihre Mitwelt hingegen sieht voller Bangen dem unvermeidlichen Tag entgegen, an dem der jeweils Betroffene wegen Burnouts zusammenbricht. Es sind die Leute, die nicht merken, dass sie ein totes Pferd reiten – wie es in der indianischen Tradition heißt.Bei aller Satire ist Ihr Anti-Ratgeber auch ein sehr ernstes Buch.
Welchen Ausweg schlagen Sie aus der Adrenalin-Abhängigkeit vor?
Kirch: Mit der Adrenalin-Abhängigkeit ist es so wie mit jeder anderen Sucht. Die Betroffenen sind erst dann zur Einsicht bereit, wenn der Blitz einschlägt. Manchmal reicht es schon, wenn ein Freund einen Burnout hat. Manch einer muss aber erst selbst auf die Bretter geschickt werden, um zur Besinnung zu kommen. Da die Auswirkungen unserer immens beschleunigten Zeit erst langsam deutlich werden, gibt es im Moment selbst im medizinischen Bereich nur wenige ganzheitliche, empfehlenswerte Ansätze. Betroffene sollten sich an Spezialisten für dieses Thema wenden, wie zum Beispiel das Deutsche Fachzentrum für Stressbewältigung (DFME). Dort kennt man sich aus und kann Ratsuchenden weiterhelfen, ohne dass eine medizinische oder psychologische Stigmatisierung erfolgt. Grundsätzlich gilt, dass ein effektives und nachhaltiges Stressbewältigungsprogramm alle Lebensbereiche einschließen muss, wenn es erfolgreich sein soll. Temporäre Maßnahmen und Insellösungen, wie zum Beispiel das Erlernen einer Entspannungsmethode für sich genommen, reichen hier nicht aus.
Doris Kirch ist Leiterin des Deutschen Fachzentrums für Stressbewältigung (DFME).
