Fachartikel
08.09.2011 | ArtikelMiteinander reden!
Autor
Stephan Rohn
BG Rohstoffe und chemische Industrie
Kompetenz-Center Gesundheitsschutz
E-Mail: stephan.rohn@bgrci.de
Kennen Sie das? Ihr Chef hat eine Idee zur Umrüstung einer Maschine, an der sich kürzlich ein Kollege verletzt hat. Er will Ihnen seinen Einfall erläutern, wird aber durch einen Anruf unterbrochen. Daraufhin setzt er seine Erläuterungen fort und spart dabei nicht mit technischen Fachausdrücken. Dann erzählt er Ihnen noch einen Witz und am Ende sagt er: „Kümmern Sie sich mal darum!“
Sie haben leider nur die Hälfte verstanden. Noch ein Beispiel aus dem Arbeitsalltag: Christine B. ärgert sich. Sie ist Sicherheitsbeauftragte und sieht gerade, dass ihr Kollege hastig die Treppen hinaufspringt und dabei immer mehrere Stufen auf einmal nimmt. Schon häufiger hat sie ihn gebeten, sich im Treppenhaus langsam fortzubewegen und den Handlauf zu benutzen; schließlich ist bekannt, dass Stürze auf der Treppe nicht selten vorkommen und schlimme Folgen haben können. Frau B. fragt sich, warum ihre Botschaft nicht ankommt. Sie spricht den Kollegen an und unternimmt erneut einen Versuch, ihn vom richtigen Verhalten beim Treppensteigen zu überzeugen.
Solche oder ähnliche Gesprächssituationen gehören für Sicherheitsbeauftragte zum Tagesgeschäft. Die Gesprächspartner sind Kolleginnen und Kollegen, aber auch Vorgesetzte, die Fachkraft für Arbeitssicherheit, der Betriebsarzt oder der Betriebs- bzw. Personalrat. Kommunikation ist sozusagen das Werkzeug, mit dem die Sicherheitsbeauftragten ihre Funktion im Arbeitsschutz ausüben. Aber was ist Kommunikation überhaupt, und warum ist es manchmal so schwer, andere zu verstehen oder sich selbst verständlich zu machen?
Kommunikation heißt teilen
Das Wort Kommunikation leitet sich aus dem lateinischen „communicare“ ab und bedeutet „teilen, mitteilen, teilnehmen lassen, gemeinsam machen, vereinigen“. Dieses Teilen, Mitteilen usw. findet im Rahmen einer Sozialhandlung statt, in die mehrere Menschen einbezogen sind. Kommunikation als Sozialhandlung dient der Problemlösung: Durch Kommunikation werden Hindernisse überwunden, die sich allein nicht bewältigen lassen.
Damit die Problemlösung gelingen kann, muss im Gespräch ein Austausch oder eine Übertragung von Informationen stattfinden. „Information“ ist in diesem Kontext eine zusammenfassende Bezeichnung für Wissen, Erkenntnisse oder Erfahrungen. Mit „Austausch“ ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen gemeint. „Übertragung“ ist die Beschreibung dafür, dass dabei ‧Distanzen überwunden werden können, oder es ist gemeint, dass Gedanken, Vorstellungen und Meinungen ein Individuum ‚verlassen‘ und in ein anderes ‚hinein gelangen‘.
Kommunikation ist alltäglich und verläuft scheinbar selbstverständlich, sodass sie für sich genommen nur selten in den Blickpunkt rückt. Es wäre zu aufwändig, das ‧eigene Gesprächsverhalten ständig zu hinterfragen. Erst bei Missverständnissen und Misserfolgen, die im miteinander Reden ihre Ursachen haben, wird Kommunikation zum Untersuchungsgegenstand. In der wissenschaftlichen Behandlung von Kommunikation wird die Frage gestellt, was die Kriterien für Kommunikationserfolg sind und wie verlässliche Modelle erstellt werden können, aus denen sich Vorhersagen und Handlungsanweisungen ableiten lassen. Ein einfaches Modell der Kommunikation ist in Abb. 2 grafisch dargestellt.
Missverständnisse vermeiden
Gelegentlich verhindern Kommunikationsstörungen, dass eine Nachricht ihr Ziel erreicht – wie im Eingangsbeispiel. Der Empfänger hat die Botschaft zwar gehört, aber nicht verstanden. Das liegt im geschilderten Fall an typischen „Sendefehlern“; dazu zählen:
- die Verwendung von Fachausdrücken,
- das Abschweifen vom eigentlichen ‧Thema,
- eine zu hohe Sprechgeschwindigkeit aufgrund von Zeitdruck und
- das gleichzeitige Erledigen anderer Dinge während des Gesprächs.
Solchen und ähnlichen Sendefehlern lässt sich vorbeugen, indem man sich beim Reden an den sogenannten „Verständlichmachern“ orientiert: Einfachheit, Gliederung, Kürze, Anregung, Präsenz (siehe Kasten S. 10 „Die Verständlichmacher“).
Gehört ist nicht verstanden. Mit Hilfe der Verständlichmacher lassen sich klare Botschaften aussenden, die das Verstehen erleichtern sollten. Aber verstanden ist nicht umgesetzt, wie das zweite Praxisbeispiel am Anfang dieses Artikels zeigt. Manche Probleme lassen sich nicht einfach im Vieraugengespräch lösen, sie müssen in der Gruppe besprochen und mit vereinten Kräften angegangen werden. In der Gruppe zielorientiert kommunizieren, das kann kompliziert sein, muss es aber nicht.
Erfolgreiche Teambesprechung
Das so genannte „Ideen-Treffen“ ist eine strukturierte Vorgehensweise zur gemeinschaftlichen Erarbeitung von Lösungsansätzen für Probleme im Arbeitsschutz. Die Treffen sollten einmal im Monat mit vier bis sieben Teilnehmenden durchgeführt werden. Eine Person muss im Vorfeld die Verantwortung für die Moderation der ersten Sitzung übernehmen. Führungskräfte können, müssen aber nicht dabei sein.
Schritt 1: Was läuft – was läuft nicht? (ca. 15 min)
Jeder Teilnehmer/jede Teilnehmerin gibt Antworten auf folgende Fragen:
- Was ist in letzter Zeit gut gelaufen?
- Was sollte verbessert werden?
Schritt 2: Hauptthema finden (ca. 5 min).
Aus den Verbesserungswünschen wird ein Thema ausgewählt. Die Auswahl kann durch Abstimmung erfolgen. Leitfrage:
- Welches Thema ist so wichtig, dass es bearbeitet werden soll?
Schritt 3: Lösungen finden (ca. 30 min).
Fragen, die zum Ziel führen:
- Was ist vorhanden/anders, wenn wir unser Ziel erreicht haben? Z.B. „Alle Beschäftigten in der Verwaltung benutzen beim Treppensteigen den Handlauf.“ (positiv formulieren!)
- Was kann jeder Einzelne heute und morgen tun, um das Ziel zu erreichen? Z.B. „Ich selbst benutze konsequent den Handlauf und spreche Kolleginnen und Kollegen an, die dies nicht tun.“ (Eigeninitiative)
- Was können wir tun, dass es so bleibt? Z.B. „Wir lassen Handläufe (und Treppen) nicht wie bisher einmal, sondern zweimal pro Woche gründlich reinigen. Wir schaffen kleine, mit einer Hand tragbare Container für Akten und andere Gegenstände an, damit die andere Hand für den Handlauf frei bleibt.“ (kurz- und mittelfristige ‧Planung)
- Welche positiven und negativen Auswirkungen hat das Erreichen des Ziels? Z.B. positiv: „Es gibt beim Treppensteigen keine (Beinahe)Unfälle mehr.“;
negativ: „Jeder muss diszipliniert sein.“
Schritt 4: Aufgabenblatt erstellen (ca. 5 min).
Die Ergebnisse schriftlich festlegen:
- Wer macht was bis wann?
Folgetreffen (ab dem zweiten Treffen): Was hat sich seit dem letzten Ideen-Treffen getan? (ca. 5 min)
Die verantwortlichen Personen informieren über Veränderungen. Leitfragen:
- Was hat sich getan bzw. was habe ich erreicht?
- Was hat gut geklappt?
- Welche Hindernisse sind aufgetreten?
- Wie soll weiter vorgegangen werden?
Im Aufgabenblatt werden die noch erforderlichen Maßnahmen notiert. Lösungsvorschläge, die nicht umgesetzt werden konnten, müssen nochmals besprochen werden (Schritt 3).
Miteinander reden – daran führt auch im Arbeitsschutz kein Weg vorbei. Bei der Verbesserung der Sicherheit und des Gesundheitsschutzes am Arbeitsplatz spielen Sicherheitsbeauftragte mit ihrem Wissen und ihrer Nähe zu den Kolleginnen und Kollegen eine wichtige Rolle. Dieser Rolle gerecht zu werden gelingt besser, wenn die vorhandene Sachkompetenz mit Hilfe von kommunikativen Fähigkeiten optimal eingebracht werden kann. Also warum nicht einmal ein Seminar zum Thema in einem der berufsgenossenschaftlichen Bildungszentren besuchen?
Weitere Informationen liefern
- DGUV Arbeit & Gesundheit BASICS: Sicherheitsbeauftragte (Universum Verlag)
- BGI/GUV-I 7010-1: So geht's mit Ideen-Treffen
- Merkblatt A 012 der BG RCI: „Mehr Sicherheit durch Kommunikation“
- Merkblatt A 025-1 der BG RCI: „Das Sicherheitsgespräch"
