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Ratgeber und Helfer für mehr Sicherheit

Sicherheitsbeauftragte unterstützen ihre Kollegen darin, Unfälle und arbeitsbedingte Gefahren zu vermeiden. Das ist in den Lebenshilfe Werkstätten Unterer Niederrhein nicht anders. 15 Mitarbeiter mit Behinderung haben sich dort in einem Seminar zu Sicherheitsbeauftragten ausbilden lassen. Ihre besonderen Fähigkeiten wie ihre hohe Aufmerksamkeit und ein feines Gespür für Fehler sorgen in Kombination mit den erlernten Seminarinhalten dafür, dass sie künftig einen wichtigen Beitrag zur Arbeitssicherheit leisten.

Bevor sie die Stahltüre zur Metallverarbeitung öffnen, streifen Franz Weytmans und Udo Greven den Gehörschutz über. Denn in diesem Arbeitsbereich entsteht etwa beim Zerspanen oder Fräsen ein Lärmpegel, der auf Dauer gesundheitsschädigend sein kann. Dass ein Schild sie vor dem Betreten des Raumes auf die Pflicht zum Tragen von Gehörschutz hinweist, wird von den beiden Mitarbeitern der Lebenshilfe Werkstätten Unterer Niederrhein positiv bewertet.

 

Weil ein dickes Stromkabel unmittelbar hinter der Türschwelle als Stolperfalle wartet, erkennen Weytmans und Greven aber auch gleich Verbesserungspotenzial. Gemeinsam mit 13 weiteren Menschen mit Behinderung sind die beiden Männer in der Betriebsstätte am Niederrhein unterwegs und überprüfen, wie es um die Sicherheit am Arbeitsplatz bestellt ist. Dieser Einsatz in der Praxis ist für die Gruppe ein wichtiger Teil ihrer zweitägigen Ausbildung zu Sicherheitsbeauftragten.

 

Die Lebenshilfe Werkstätten Unterer Niederrhein beschäftigen an drei Standorten insgesamt 1.100 Mitarbeiter, rund 840 davon mit Behinderung. Als Unternehmen mit regelmäßig mehr als 20 Mitarbeitern sind sie demnach nach § 22 SGB VII dazu verpflichtet, einen Sicherheitsbeauftragten zu stellen. Dieser stammt aus dem Kreis der Mitarbeiter und unterstützt seine Vorgesetzen dabei, Maßnahmen zur Verhütung von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten durchzuführen. Für seine Kollegen ist er gleichzeitig Ratgeber und Helfer, wenn es darum geht, arbeitsbedingte Gefahren zu vermeiden. Seine wertvolle Aufgabe erfüllt der Sicherheitsbeauftragte ehrenamtlich und ohne Verantwortung in seiner Arbeitszeit.

 

Wer aber darf überhaupt Sicherheitsbeauftragter werden? Grundsätzlich darf jede Person diese Aufgabe übernehmen. Voraussetzung ist jedoch, dass der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin die Motivation mitbringt, diese Rolle zu übernehmen. Einschränkungen hinsichtlich körperlicher oder geistiger Fähigkeiten gibt es indes nicht. So ist beispielsweise nicht vorgeschrieben, dass ein Sicherheitsbeauftragter lesen oder schreiben können muss. Und eine Behinderung stellt ebenfalls kein Hindernis dar, wenn ein Beschäftigter diese Aufgabe übernehmen möchte.

 

Spezielles Schulungskonzept

 

Wenn Menschen mit Behinderung zu Sicherheitsbeauftragten geschult werden, kann es eine Herausforderung sein, dass sie nicht lesen können oder Symbole wie etwa Gefahrenzeichen nicht interpretieren können. Die Schulung in Theorie und Praxis muss daher so gestaltet sein, dass alle Teilnehmer die Inhalte nachvollziehen können.

 

Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) hat daher ein Konzept entwickelt, das speziell auf diese Anforderungen zugeschnitten ist – und auch bei der Ausbildung in den Lebenshilfe-Werkstätten zum Einsatz kam. So hat Dozent Jürgen Witschen die Seminarinhalte in leichter Sprache erklärt, also in kurzen Sätzen und mit einfachen Wörtern. Zudem hat er den Teilnehmern den Film „Erfolg statt Frust“ gezeigt. Hauptdarsteller ist ein Mann, der in seinem Betrieb erst vor kurzer Zeit zum Sicherheitsbeauftragten bestellt wurde.

 

Der Film zeigt, welche Erfahrungen der Hauptdarsteller in der Anfangsphase macht, welche Konfliktsituationen er in seiner neuen Rolle erlebt und wie er seine Aufgabe letztendlich erfolgreich in seinen Arbeitsalltag integriert. Das hat den Teilnehmern geholfen, die Aufgaben und Arbeitsweisen eines Sicherheitsbeauftragten zu verstehen. Dazu trägt auch eine Broschüre bei, die von der BGW mit dem Titel „Sicherheits-Beauftragte im Betrieb – Erklärt in Leichter Sprache“ herausgebracht wurde.

 

Feines Gespür für Sicherheit

 

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Lebenshilfe-Werkstätten benötigen zwar eine gewisse Fürsorge, bringen aber auch besondere Kompetenzen mit. Dazu zählen eine hohe Aufmerksamkeit selbst für kleinste Abweichungen, eine hohe Identifikation mit ihrem Arbeitsplatz und ein feines Gespür dafür, wenn dort etwas nicht in Ordnung ist. Für die Aufgabe als Sicherheitsbeauftragter sind sie daher optimal geeignet.

 

So wie Franz Weytmans. Der 62-Jährige arbeitet seit fast 15 Jahren bei der Lebenshilfe, am Standort Rees ist er seit Langem in der Küche im Einsatz. Das Tragen von Sicherheitsschuhen ist dort Pflicht, gelegentlich ist auch der Gebrauch von Schutzhandschuhen und Schutzbrille erforderlich. „Die Frage, ob ich darauf verzichte, stellt sich für mich nicht. Ich achte sehr auf meine Sicherheit“, sagt Franz Weytmans, der seinen Kollegen damit ein Vorbild sein kann. Das ist ein wichtiges Kriterium, um als Sicherheitsbeauftragter von den Kollegen akzeptiert zu werden.

 

Udo Greven indes arbeitet in den Werkstätten am Standort Alpen-Veen in der Verpackungsabteilung. Weil er als zuverlässiger Mitarbeiter geschätzt wird, hat ihn sein Gruppenleiter zu der Ausbildung ermutigt. Als Rollstuhlfahrer sieht er viele Dinge aus einem anderen Blickwinkel, wie der 47-Jährige sagt: „Mir fällt natürlich gleich auf, wenn Kanten schwer überfahrbar sind oder ob sich eine Türe nur schwer öffnen lässt. Wenn man sich in Sicherheit bringen muss, kann das schließlich entscheidend sein.“

 

In Zukunft wollen Franz Weytmans und Udo Greven mit ihren neu ausgebildeten Kollegen dazu beitragen, dass die Arbeitssicherheit sich noch weiter verbessert. Sie ergänzen den Kreis von Mitarbeitern, die bereits als Sicherheitsbeauftragte in den Werkstätten in unterschiedlichen Abteilungen im Einsatz sind. Die Lebenshilfe Unterer Niederrhein verfügt über ein breit gefächertes Portfolio – von der Metall- über die Holzverarbeitung bis hin zu den Bereichen Elektromontage, Verpackung und der Garten- und Landschaftspflege, Küche und Wäscherei. Die Unfallrisiken und Gesundheitsgefährdungen für die Beschäftigten variieren je nach Einsatzort. Dass nun weitere Menschen mit Behinderung auf die Sicherheit am Arbeitsplatz achten, ist daher ein echter Mehrwert.

 

Wertschätzung zeigen

 

Die Gruppe um Franz Weytmans und Udo Greven hat im Seminar gelernt, mit wachsamem Blick Gefährdungen wie beschädigte oder fehlende Persönliche Schutzausrüstung oder Mängel wie sich nicht schließende Brandschutztüren zu erkennen und ihre Kollegen auf Verletzungsrisiken aufmerksam zu machen. Verbesserungspotenziale sollen sie selbstverständlich auch ihrem Gruppenleiter melden.

 

Das im Seminar erlernte Wissen sollen sie in Kürze auch in der Praxis anwenden. Um das Arbeitsschutz-Niveau zu erhöhen, ist das ein wichtiger Faktor. „Menschen mit Behinderung müssen genauso wie andere Beschäftigte in die Arbeitssicherheit einbezogen werden. Entscheidend ist, dass sie durch Vorgesetzte und Gruppenleiter spüren, dass diese ihre Arbeit wertschätzen und ernst nehmen“, sagt Hans-Wilhelm Koopmann, der bei der BGW im Präventionsdienst arbeitet.

 

Es ist nicht unüblich, dass Menschen mit Behinderung zu Sicherheitsbeauftragten ausgebildet werden. Seminare in Werkstätten werden bei der BGW häufig angefragt. „Von den Werkstätten, in denen wir schulen, erhalten wir die Rückmeldung, dass die Aufgaben des Sicherheitsbeauftragten von den Mitarbeitern entsprechend wahrgenommen werden. Sie gehen sehr aufmerksam durch den Betrieb und empfinden ihre Aufgabe als besondere Wertschätzung“, erklärt Hans-Wilhelm Koopmann.

 

Mitarbeiter einbeziehen

 

Auf eine nachhaltige Wirkung setzt auch die Lebenshilfe Unterer Niederrhein. Sie hat ein Konzept für die Einbeziehung der Mitarbeiter in die Arbeitssicherheit entwickelt – ganz im Sinne des Inklusionsgedankens, der eine Gleichberechtigung von Menschen mit und ohne Behinderung in allen Lebensbereichen vorsieht. So werden sich die Mitarbeiter regelmäßig in ihrer Werkstatt und standortübergreifend untereinander austauschen, an Betriebsbegehungen und an den Sitzungen des Arbeitsschutzausschusses teilnehmen.

 

Und bei Bedarf werden sie natürlich unmittelbar auf Mängel hinweisen. Wie das geht, haben die Mitarbeiter in ihrem Seminar gelernt. „Wir bleiben sachlich und müssen abwägen, inwieweit der Kollege mit Kritik umgehen kann“, sagt Franz Weytmans. Auch dadurch entsteht bei den Lebenshilfe Werkstätten Unterer Niederrhein ein Mehr an Sicherheit.