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Was wirklich wesentlich ist

Zeit ist wertvoll, eigentlich sogar das Wertvollste, was wir besitzen. So richtig sorgsam gehen wir aber nicht mit ihr um. Wir verbringen viel Zeit mit Verpflichtungen und notwendigen Erledigungen. Für das Schöne im Leben bleibt da kaum mehr etwas übrig. Für das, was nicht unbedingt sein muss – aber dennoch sinnstiftend ist. Der Begriff Quality time bezeichnet ein besonders wertvolles Zeitfenster.

Das Bild von den berufstätigen Eltern, die nur wenig Zeit für ihre Kinder haben, ist uns allen präsent: Morgens geht es hektisch Richtung Kindergarten, danach eilen Mama und Papa rasch zur Arbeit. Der Tag, den der Nachwuchs ohne Eltern verbringt, ist lang. Abends gegen 18 Uhr hopp-hopp wieder nach Hause und schleunigst ab ins Bett. Das war´s für die Kita-Kleinen, für Quality time ist bei solch einem ausgefüllten Tag nun wirklich kein Zeitfenster mehr übrig. Alle sind abends müde und geschafft. Nun auch noch intensive und wertvolle Zeit miteinander zu verbringen ist doch kaum mehr möglich.

 

Oder vielleicht doch? Wenn es nach dem Buchautor Bernd C. Trümper geht, ist da durchaus noch Potenzial. „Denn gerade die halbe Stunde Bettgeh-Ritual, die nach einem anstrengenden Tag noch möglich ist, kann ganz besonders bedeutsam für alle Beteiligten sein.“ Für die Eltern, weil sie auch selbst zur Ruhe kommen, sich von der Arbeit erholen und rasch auf ganz andere Gedanken kommen können. Für die Tochter oder den Sohn – weil eine halbe Stunde „Ausschließlichkeits-Zeit“ vorhanden ist. Es kann erzählt werden, was passiert ist am Tag. Es kann gekuschelt oder auch noch herumgealbert und getobt werden.

 

Gemeinsamkeit zählt

 

So lässig den Abend ausklingen zu lassen, entspannt und ohne Druck miteinander Zeit zu teilen – das ist wirklich wertvolles Tun! „Denn es ist falsch anzunehmen, dass Qualitätszeit nur dann stattfinden kann, wenn wir qualitativ Hochwertiges geplant haben.“ So ist es keineswegs: Vielmehr liegt in der gemeinsam verbrachten Zeit die Kraft! Mama oder Papa sind aufmerksam gegenüber der Tochter/dem Sohn, legen das Handy beiseite, widmen sich ganz und gar dem Nachwuchs und dem gemütlichen Abend-Ritual. Stress lass nach, lautet die Devise für die schönen Stunden zusammen mit der Familie. Hetze und Termindruck nein Danke. Jetzt ist Spaß und Zusammensein angesagt.

 

„Das Wichtigste im Leben ist die Zeit, die man mit Menschen verbringt, die man liebt.“ (Bernd C. Trümper)

 

Die (zugegebenermaßen) kleinen Zeitfenster im Alltag möglichst intensiv zu nutzen, ist dennoch eine Kunst. Und mit Sicherheit kann es nicht unser Ziel sein, jeden Ausgleich künftig mit „Quality Time“ zu überschreiben. Qualität statt Quantität kann ja gut gemeint sein, aber den Begriff mit Leben zu füllen, ist im Alltag dann doch wieder ein ganz anderes Kapitel. Das haben wir alle schon selbst erlebt: Wir meinen es besonders gut mit dem Partner oder dem Kind und kündigen hocherfreut an: Heute Abend habe ich frei für Dich, lass uns schön in die Stadt gehen zum Bummeln, gemeinsam etwas essen oder ins Kino.

 

Der andere sieht sich aber zum Feierabend eher auf der Couch und ist daher gar nicht einverstanden mit den Ausgehplänen. Qualitätszeit kann also durchaus im Angebot sein, aber wenn der vermeintliche Empfänger den wertvollen Zeitvorrat nicht annehmen mag, muss man anders zueinander kommen.

 

Spontan geht auch

 

Oft sind es die spontanen, ganz und gar nicht verplanten Zusammenkünfte, die besonders schön und unvergesslich sind. „Nicht der Aufwand, der betrieben wird, steht im Vordergrund, sondern das Glück, das miteinander empfunden wird“, so Trümper. So kann das aufwändig vorbereitete Treffen für den Bau einer Bretterbude nervig und uneffektiv verlaufen, während der Nachmittag ohne jeden Plan voller Lebensfreude und Fröhlichkeit steckt.

 

Nicht nur Kinder lieben es, wenn sich plötzlich etwas ergibt, womit sie nicht gerechnet haben. Auch für jeden Erwachsenen ist es toll, sich einzulassen auf das kleine Zeitfenster „Glück“. Mal abzuwarten, was daraus wird. Auf sich zukommen zu lassen, ob gemeinsam etwas ganz Großes aus der gemeinsam verbrachten Zeit wird.

 

Die Spielrunde „Mensch ärgere Dich nicht“ – limitiert auf das Zeitfenster 18 bis 18:30 Uhr – kann gelingen. Aber wenn es ein wenig lässiger (womöglich auch leichtsinniger) geplant würde, haben alle Beteiligten noch Luft nach oben. „Morgen Abend treffen wir uns – mal sehen, was wir mit unserer gemeinsamen Zeit anfangen“, lässt außerdem noch viel Platz für Spontanität. Und die zu erhalten, ist gerade im unberechenbaren Alltag wichtig. Alles penibel durchzutakten, jede zeitliche Lücke mit sinnvollem Tun zu füllen, kann nicht der Anspruch sein.

 

Zeit lässt sich nicht aufhalten und nachholen

 

Dazu Bernd C. Trümper: „Aber zu erkennen, dass ich sehr viel für ein gutes Miteinander tun kann, wenn ich nur genug Zeit mit den mir liebsten Menschen verbringe, ist schon ein großer Schritt.“ Der Buchautor, der vor seiner theologischen Ausbildung als Vertriebs- und Kommunikationstrainer arbeitete, erlebte in der eigenen Familie, dass sich Zeit nicht aufhalten und nicht nachholen lässt. „Als meine Großmutter starb und meine Mutter erkannte ‚Ich wollte noch so viel für sie und vor allem mit ihr tun‘ – hat das für mich den Anstoß gegeben, Qualitäts-Zeiten mit bestimmten Personen zu verabreden.“ Auch der lesenswerte Ratgeber „Quality ime“ ist aus diesen Überlegungen heraus entstanden.

 

Keiner möchte sich eines Tages vorwerfen müssen, Du hast etwas verpasst im Zusammenleben, bist zu selten da gewesen oder hast Dich nicht bemüht. Um dem vorzubeugen, plädiert Trümper für das bewusste Reservieren von Zeit, in der man sich ganz auf einen Menschen konzentriert. Das kann ein Ausflugs-Wochenende mit der Mutter sein oder ein Abend auf der Picknickdecke mit engen Freunden. Selbst mit den Arbeitskollegen lassen sich meist unkompliziert Qualitäts-Zeiten planen und fest in den Tagesablauf mitaufnehmen.

 

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Tipps für Qualitäts-Zeit

  • Quality time-Termine müssen unumstößlich sein. Sie dürfen (ohne Not) nicht verschoben werden, denn sie sind Ausdruck von Wertschätzung und Respekt.

  • Die Organisation der „kleinen Auszeiten“ erfordert natürlich Vorlauf. Aber bedenken Sie immer: Es geht nicht um Leistung oder Effizienz, sondern vor allem um Zwischenmenschlichkeit.

  • Ruhig auch mal Planlosigkeit und Lässigkeit zulassen – und somit bei einem Treffen offen lassen, ob man sich in eine Unternehmung stürzen möchte oder vielleicht lieber etwas Spontanes tut. Manchmal kann es das reinste Vergnügen sein, zusammen Tee zu trinken und herumzulümmeln, ein anderes Mal ist dann eben ein Museumsbesuch der gemeinsame Nenner.

  • Schrauben Sie Ihre Erwartungen an Quality time nicht allzu hoch. Es geht nicht um pädagogisch wertvolle Spiele und hoch-intellektuelles Gespräch, sondern um glückliche Momente miteinander.

  • Räumen Sie den Kindern, Freunden und dem Partner ebenso großzügig Quality time ein wie beispielsweise den Eltern.

  • Die Lebenszufriedenheit steigt bei allen Beteiligten – wenn klar ist „Jetzt sind wir zusammen, nehmen uns Zeit füreinander und können uns ganz und gar auf uns konzentrieren“. Nichts fühlt sich besser an als im Mittelpunkt zu stehen, dem anderen wichtig zu sein.

 

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So kann Quality time aussehen:

 

Mit Kindern: Quatsch machen, etwas Unsinniges, Ungewöhnliches tun. Das Abendessen nach Kindermanier einnehmen – ohne Besteck und auf dem Fußboden sitzend. Zusammen den Dachboden oder Keller aufräumen, im Garten wirtschaften.

 

Mit dem Partner: Planungen für Abende/Nachmittage/Urlaube zu zweit aufnehmen. Auch in der Mittagspause kann man sich schließlich mal treffen…

 

Mit Freunden: Zeiten ändern sich. So lange Kinder klein sind, haben Freunde meist das Nachsehen. Aber wer Durststrecken durchhält, ist wirklich ein Freund. Nächte durchdiskutieren, trösten, unterstützen – gemeinsam etwas unternehmen, das Vertrauen und Nähe weiter wachsen lässt.

 

Mit den Eltern: Um Eltern im Alter ganz neu kennen zu lernen, bedarf es Zeit. Gönnen Sie sich Rituale mit den Eltern wie zum Beispiel gemeinsam Feste zu feiern, einmal im Jahr eine Reise miteinander zu unternehmen. Zusammen an die Orte der Kindheit zu fahren, kann ebenfalls verbinden.