Fachartikel

Burnout geht anders – aber wie?

Selbst den inneren Tunnelblick überwinden. Mit Tipps zum Nachfassen beim persönlichen Gesundheitsverhalten besonders für Manager in der „undankbaren Mitte“. Aber auch für alle anderen.

1. Aussteiger-Erfahrungen: Goodbye Deutsche Bahn, goodbye Deutschland!

 

Dr. techn., Dipl.-Ing., MSc Christian Kottbauer ist ausgestiegen. Bis Ende März 2014 hat er noch für das Unternehmen Deutsche Bahn als Gesamtprojektleiter für die Modernisierung der IC-Flotte gearbeitet. Heute führt er den schicken Restaurant- und Seminarbetrieb „Zellerei“ in Österreich. Insofern, so würde das Kottbauer wohl letzten guten Endes sehen, ist er nicht aus-, sondern nur umgestiegen. In einen anderen Zug, seine „Zellerei“.

 

Er hat sich damit, erzählt er uns, einen „langjährigen Wunsch“ erfüllt. Goodbye Deutschland. Goodbye DB. Kottbauer ist kein Aus- oder Umsteiger mittels Burnout. Er beschreibt sich selbst als Mann mit „Durchsetzungsvermögen und Flexibilität“, ein starker Mann, der sich mit Laufsport und asiatischen Kampfkünsten fit hält. Kottbauer ist ein Allrounder: Techniker, Ingenieur, Weltraum- und Wirtschaftswissenschaftler, einst erfolgreicher Manager der DB und jetzt seines eigenen ländlich-idyllisch, in der Steiermark gelegenen Gourmet- und Bildungshorts. Eine Traumkombination, beste Bedingungen für ein Leben mit maximalem Output. Was ihn aber für uns interessant macht, ist etwas anderes.

 

Kottbauer hat während seiner Zeit als Gesamtprojektleiter bei der DB und mit der DB als „Use Case“ parallel geforscht über die „Burnout-Problematik im Mittleren Management“, über „Eigenverantwortung versus Fremdverantwortung“. Lässt man alles methodische und wissenschaftliche Drumherum beiseite, dann kommt er zum Ergebnis, dass die unmittelbare Arbeitsumgebung einer Führungskraft im mittleren Management eine ganz besondere Rolle dafür spielt, ob ich ausbrenne.

 

Kottbauer sagt, „die Schaffung von Freiheitsgraden im Arbeitsumfeld“ wirke effektiv vorbeugend gegen Burnout, es gehe darum, die „interne Kommunikation“ zu fördern und „Vertrauen“ zu verstärken. Lob und Anerkennung ihrer Chefs, aber auch von Kollegen machen (Manager) Burnout-resistenter. Die DB habe er, ‧erzählt Kottbauer weiter, erlebt „als sehr fortschrittlich im Bereich von flexiblen Arbeitszeitmodellen und der Gestaltung von mitarbeiterfreundlichen Arbeitsbedingungen. Selbst das oberste Management hat dem Thema ‚Mitarbeiter’ eine sehr gewichtige Rolle eingeräumt. Meinen Arbeitskollegen im Projekt und mir selber wurden bei der Arbeit Freiheitsgrade eingeräumt, die ich bisher von anderen Unternehmen nicht kannte.“ Kottbauer schwärmt etwas, sicher.

 

Zieht man den Faktor Erinnerungspathos einmal ab, dann sagt er freilich etwas sehr wichtiges und Bedenkenswertes: Durch die vom Unternehmen aktiv gewährten Freiheitsgrade bei der Arbeit der Manager „stieg auch die Motivation der Kollegen, noch bessere Resultate zu erzielen, und was meines Erachtens noch wichtiger war: Jeder Mitarbeiter konnte sich auch einmal persönlich ohne großes Aufsehen zurücknehmen, wenn es die persönlichen Umstände erforderten. Indirekt wird dadurch die Eigenverantwortung des Mitarbeiters, auf sich und seine Gesundheit zu achten, gefordert und gefördert.“

 

Es klingt trivial, ist aber nicht von der Hand zu weisen: Erfüllung im Job ist das eigentliche Ziel. Es gibt „kein ‚Patentrezept’ für den idealen Manager und das optimale Arbeitsumfeld. Abhängig von der Arbeitssituation, den Aufgaben, vom Arbeitsvolumen und vielen anderen Faktoren ist ein individuelles Handeln ‧erforderlich.“

 

Der Gesundheitswissenschaftler Kottbauer kommt zum Kern seiner Untersuchungsergebnisse „On The Job“. Er fordert, „dass der Manager sich ständig der Verantwortung seines Handelns bewusst wird und eine reflektierte Haltung zu seinen Handlungen einnimmt. In Symbiose dazu bietet idealerweise das Unternehmen entsprechende Arbeitsbedingungen für gesund bleibende und mündige Mitarbeiter.“ Dann sei jedes Unternehmen „für Arbeitskräfte auch langfristig attraktiv“ und zöge qualifizierte Kräfte an. „Wichtig ist es, dass Unternehmen und Abteilungen mutig sind, sich regelmäßig konstruktiv zu hinterfragen und dass sie bereit sind, neue, möglicherweise unkonventionelle Wege zu gehen.“

 

Kottbauers Konzept für die Burnout-Problematik ist doppelt. Fremdverantwortung im Sinne von Unternehmensverantwortung dafür, die Eigenverantwortung, nämlich die reflektierte Haltung zur Arbeit und zu seinen eigenen Freiheitsbedarfen überhaupt zu ermöglichen. Der Mitarbeiter darf auch mal anders – unkonventionell – und er darf auch mal nicht wollen. „Dieser Freiheit sollte sich jeder Mitarbeiter“, betont Kottbauer, „zu jedem Zeitpunkt bewusst sein, entsprechend handeln und nicht die Verantwortung auf andere, wie Firma, Familie, Freunde und Gesellschaft, abschieben.“

 

Zum Ende unseres Gespräches fragen wir Dr. Kottbauer, wie er Druck und Stress im Unterschied zum Job bei der Deutschen Bahn jetzt in seiner „Zellerei“ in Österreich empfindet. „Der große Unterschied“, sagt er, „ist, dass man in einem kleinen Unternehmen das Feedback über die erzielten Leistungen viel schneller und direkter erfährt. Als Firmenchef liegen auch gleichzeitig alle firmeninternen Informationen vor, mit denen Entscheidungen getroffen werden. Das subjektive Stressempfinden ist geringer, obwohl die Belastung öfters höher zu sein scheint. Aber auch als Selbständiger liegt die Verantwortung bei mir, zu entscheiden, wann und wieviel ich arbeite.“

 

Spontan denken wir: Der Mann hat’s gut, und verstanden! Ob die Deutsche Bahn ihn vermissen wird, wissen wir nicht. Er hat sich mit allen verstanden. Ein deutsches Wohlfühlwunderunternehmen inmitten von absaufenden Inseln der weniger Glückseligen? So ist es, glaubt man neueren Studien, um Deutschland nämlich zunehmend bestellt. Kottbauer – in Österreich – im Glück! Aber der gemeine deutsche Michel im Unglück, Deutschland, Burnout-Land? Und danach schaut es aus.

 

2. Bittere Bestandsaufnahme: Burnout statt Output – Deutschland, Jammer- und Kummerkastenland?

 

Der „Deutsche Michel“ ist die nationale Symbolfigur Deutschlands und Stereotyp des an sich fleißigen Biedermanns, der gleichwohl Gemütlichkeit und privates wie öffentliches Ruhebedürfnis – also Burnout-resistente, seelischen Leiden gegenüber robuste Eigenschaften – allem anderen vorzieht. Er ruht nicht nur gern (in sich), er jammert auch gern und schnell. Er ist aber auch schnell überfordert, wo andere erst loslegen.

 

Deutschlands Arbeitsmarkt leidet an kollektiven Selbstdiagnosen in die fatale arbeitspsychologische Richtung „Burnout!“. Wie nie zuvor werden durch Erschöpfung, medizinisch differenzierter durch Depressionen, Anpassungs- und Angststörungen sowie andere psychische Leiden Unternehmen, Kassen, ganze Wirtschaftszweige ins Mark ihrer Produktivität getroffen. Dem Laien genügt ein Wort, das all das zusammenbackt und damit auf seltsame Weise auch verbirgt, was an persönlichem Leid, konkreter Erfahrung mit Arbeit und Gesundheit und Möglichkeiten für die ärztliche Diagnostik und Therapie „in meinem Fall“ darunter steckt: „Wir haben nicht nur Rücken, Herz und Knie. Wir haben Burnout!“

 

Michel ist ausgebrannt: durch eine hohe Arbeitsbelastung, zunehmend unsichere Arbeitsverhältnisse und schwierige Arbeitsumfelder gerade im mittleren Management: Das ist eingespannt in die Schraubzwinge der fordernden Chefs oben und der ignorant-missgünstigen Kollegen auf derselben Karriereleiterstufe oder der stets Haltung erwartenden, vorbildhaft zu führenden Kollegen weiter unten. Ist das vielleicht ein überzeichnetes Klischee, so doch ein gern gepflegtes und nicht ganz falsches. Warum?

 

2014 rangierten laut Psycho-Report 2015 der DAK die Ausfalltage aufgrund von Seelenleiden erstmals auf Platz zwei der Fehltage-Statistik. Nur mit Rückenschmerzen oder anderen Muskel-Skelett-Erkrankungen blieben die Leute noch häufiger der Arbeit fern. Das hat enorme, schwer steuerbare Auswirkungen für den Arbeitsmarkt. Knapp 17 Prozent aller Fehltage wurden 2014 von psychischen Erkrankungen verursacht, allein auf 100 DAK-Versicherte entfielen 237 Ausfalltage, seit 1997 hat sich die Anzahl der ‧dadurch bedingten Fehltage laut DAK verdreifacht auf 209 Prozent. Der Anstieg ist „beispiellos“, sagt die DAK, „bei keiner anderen Krankheitsart gibt es eine vergleichbare Entwicklung“. Jeder 20. ist mindestens einmal wegen einem psychischen Leiden krankgeschrieben, und bei Frauen ist die Betroffenenquote doppelt so hoch. Im Schnitt dauert eine Krankschreibung 35,1 Tage – bei beiden Geschlechtern. Die Tendenz ist im Bundesgebiet regional zwar unterschiedlich stark ausgeprägt, aber im Durchschnitt weiter steigend.

 

Das ist auf Dauer ruinös für den Arbeitsmarkt, den Betrieb, ganz zu schweigen vom Schicksal des Betroffenen, möchte man meinen. Der DAK-Report fordert deshalb, „vor allem Unternehmen müssen sich auf diese Problematik einlassen und mit gezielter Prävention gegensteuern“. Er ist mit dieser Forderung nicht alleine. Berufs- und Arbeitgeberverbände, Ärzte und Wissenschaftler schlagen Alarm. Ein riesiger Markt der Ratgeberliteratur, sich darin tummelnden und allermeist selbst ernannten „Burnout-Experten“ und neue Geschäftsmodelle im „Zweiten“ (Selbstzahler-)Gesundheitsmarkt und für private Kliniken etablieren sich. Kassen und Unternehmen und Allianzen zwischen beiden steuern gegen. Das um so mehr, als bekannt ist, dass orthopädische, kardiologische und neurologische Zusatzerkrankungen mit psychischen Krankheiten einhergehen können und sich wechselseitig hochschaukeln.

 

Beispiel 1 für Gegensteuerungen: bpa e.V.

Ein kleiner Arbeitgeberverband für ‧Gesundheitsfachberufe, welche laut DAK-Report ganz oben auf der Burnout-‧Problemskala stehen, macht es vor und stellt seinen Mitgliedern ein maßgeschneidertes Präventionsangebot zur Verfügung. Die Rede ist vom bpa, Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e.V.. Er geht 2015 eine Kooperation mit dem Bayerischen Heilbäder-Verband e.V. ein, um besonders für Pflegekräfte, die unter Burnout-Symptomen besonders leiden, kurzfristige und zugleich nachhaltige Hilfestellungen zu organisieren. Das funktioniert, sagen natürlich die Partner, wissenschaftlich belastbare Zahlen gibt es aber nicht. Nachdenklich kann Folgendes stimmen.

 

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Wellness Plus, also medizinnahe Sonder-Angebote dieser Art sind das eine. Burnout-Symptome erwischen aber häufig Führungskräfte, besonders im mittleren Leitungsebenen hart. Genau davon sind in den Heimen und ambulanten Diensten viele typische Fälle. Eingeklemmt zwischen professionell erlernten Eigenerwartungen wie „Durchsetzungsstärke“, „vorbildhafter Leistungsträger sein“ gegenüber Mitar‧beitern „nach unten“ und Fremderwartungen an ständig wachsende ökonomische Erfolgs-, Dokumentations- und Anpassungsleistungen an die Einrichtung, für „die da oben“ andererseits. Und dann sind dann auch noch die Pfegebedürftigen ...! Der tägliche Umgang mit Patienten und Angehörigen, Zeitdruck, Formdruck, Selbstpräsentationsdruck, externen Partnern und Kollegen derselben „Rangordnung“ – da wird immer mehr drauf gepackt.

 

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Pflege, das ist noch immer ein von Frauen dominierter Fachberuf, auch im mittleren Management. Zu den „normalen“ Belastungen des Berufsalltags kommen die Fürsorge um Kinder, der Ehemann oder die Alleinerziehung hinzu. Es gibt einen gender- beziehungsweise Frauen-Index für Burnout in der Pflege – sie sind wesentlich stärker betroffen. Wir kommen konkreter als es ein Kassenreport kann, im Gespräch, das wir mit der Altenpflegerin Ruth Sansli geführt haben, darauf zurück (siehe Teil 2 des Beitrags in Sicherheitingenieur 1/2017). Heilbädereffekte reichen nicht bis nach Hause ins Kinderzimmer, in das vielfach belastende Gemisch des normalen Wahnsinns namens Leben und Überleben. Für Frauen in Gesundheitsfachberufen ist das herkömmlich Männer-dominierte Idealbild einer Aphrodite und Marilyn Monroe weit weg. Aber attraktiv und gesund wollen auch sie sein und bleiben.

 

Beispiel 2 für Gegensteuerungen: Adidas, Porsche und manche andere

Große deutsche Wirtschaftsunternehmen, wie vorbildlich Adidas mit ihrem Mitarbeiterprogramm „Gesund‧heit und Sicherheit“ und etwa Porsche, Kottbauer nannte bereits die Deutsche Bahn, sie haben längst ihre Gesamtverantwortung vorauseilend erkannt und setzen viele mitarbeiterfreundliche Gesundheitsmanagement-Projekte um. Oft sind es einzelne, strategisch denkende, weitsichtige Entscheidungsträger, wie Uwe Hück, der Vorsitzende des Betriebsrats Zuffenhausen, Gesamt- und Konzernbetriebsrat der Porsche AG (siehe Interview auf den Seiten 22 und 23 in diesem Heft), die nach vorne preschen und Standards für das Gesundheitsmanagement am Arbeitsplatz setzen und sich immer neu verbessern wollen. Das nicht nur aus Mitmenschlichkeit oder Empathie. Sondern weil sie das von Kottbauer am Beispiel Deutsche Bahn festgemachte Paradox kennen. Wer nicht früh genug auf seine besten Mitarbeiter aktiv zugeht und ihnen Freiheitsgrade einräumt, verliert genau sie am schnellsten an das Problem Burnout und gewinnt selten Bessere hinzu.

 

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Der fatale Kreislauf zwischen mangelhafter Weitsicht und Verlust an Attraktivität ist vorprogrammiert und führt dann auch die BIG’s in die Schleife nach unten. Dafür gibt es Stoppregeln: eine, mittlerweile sogar gesetzlich ausformulierte heißt betriebliche Präventionsprogramme, eine andere, zu den freiwilligen Maßnahmen aufgrund unternehmerischer Einsicht gehörenden Stoppregeln heißt: mehr gewollte Achtsamkeit am Arbeitsplatz, statt immer mehr Statistikweisheit und reine Zahlenspielchen aus den Etagen der Chefbetriebswirte und Chefcontroller, die häufig nur die reine Lehre der Rationalisierung predigen. Diese einseitige Lösung ist längst strategisch verbraucht. Wer nur rauswirft, wird am Ende rausgeworfen.

 

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Dennoch ist die bisherige Burnout-Bestandsaufnahme etwas schief. Wenn man nämlich Medizinern die Frage stellt, ob also mehr Menschen in Deutschland an psychischen Erkrankungen leiden als noch vor 15 Jahren, antworten diese differenziert. „Die auffällige Steigerung ist dadurch erklärbar, dass sowohl Ärzte als auch Patienten heute offener mit psychischen Problemen umgehen. Die Krankheiten werden mittlerweile besser diagnostiziert und entsprechend kodiert. Früher wurden körperliche Beschwerden diagnos‧tiziert, in denen sich psychische Erkrankungen häufig manifestieren“, so Dr. Hans-Peter Unger, Chefarzt des Zentrums für seelische Gesundheit in der Asklepios Klinik Hamburg-Harburg.

 

Der DAK-Psycho-Report nimmt darauf Bezug und sagt, statt einer generellen Zunahme von seelischen Leiden fände eine „Verschiebung im Krankheitsgeschehen“ statt. Burnout wird, sagen uns die Psycho-Experten, heute eher als „Risikozustand, nicht als Krankheit verstanden.“ Hinter Burnout stecken häufiger Angsterkrankungen wie Panik oder Phobien und Anpassungsstörungen oder Depressionen. Um so alarmierender.

 

Eine differenziertere Diagnosepraxis ist gut, weil sie uns als Patienten über uns selbst aufklärt und windige bis riskante Selbstdiagnosen ersetzt. Aber sie beruhigt natürlich niemanden, weder den Arbeitsmarkt, den einzelnen Betrieb und natürlich am wenigsten den Patienten. Depressionen verursachen besonders viele Ausfalltage, und ganz besonders viele Ausfalltage gehen auf das Konto der 55 bis 59-jährigen Arbeit‧nehmerinnen. Bei den Männern ist die Generation 60 plus mit 26 Fehltagen ‧besonders betroffen. Fragt man, welche Wirtschaftsgruppen besonders auffällig sind: das Gesundheitswesen und die ‧öffentliche Verwaltung. So weit, so gut aus dem Report – und doch so schlecht scheint es um Deutschland, das Arbeitsleistungsland und Kummerkastenland zugleich, bestellt.

 

Chefarzt Dr. Unger, der Seelenleiden-Experte, der es wissen muss, folgert: „Es gibt heute nicht mehr psychisch kranke Menschen als vor zehn oder zwanzig Jahren, sie werden aber besser diagnostiziert und weniger stigmatisiert. Fakt ist, dass der Handlungs- und Behandlungsbedarf weiter steigt.“ Was nun, deutscher Michel? Festzuhalten bleibt, Psychothemen sind bei ihm „in“, Stigmatisierung ist in Deutschland damit weniger „out“.

 

Und schon geht die öffentliche Diskussion in die nächste Runde: Mehr aktive Verantwortung seitens der Chefs, bevor der Mitarbeiter ernsthaft krank wird, fordern die einen, mehr Eigenverantwortung derselben Mitarbeiter fordern die anderen. Gerade wenn die oft angsteinflößenden, im Fremdwort nur eben netter verpackten sogenannten „Change-Prozesse“ (also gewöhnlich Rationalisie‧rungs- und mithin einhergehende Entlassungs- und Verunsicherungsvorgänge) in deutschen Betrieben rollen, rücken Emotionen der Mitarbeiter in den Vordergrund. Arbeit wird dann von subjektiven Gefühlen statt von objektiven Bedarfen und Kompetenzen beherrscht. Sie wird durch-psychologisiert und kommt – im schlimmsten Fall – praktisch zum Stocken, ja zum Erliegen.

 

Sicherheit und eigene Gestaltungsmöglichkeit des Arbeitsplatzes ist Sicherheit für die Seele. Die einfache Schlussfolgerung wäre, dass wir mehr sichere und mitarbeiterfreundliche Arbeitsplätze schaffen, und dass die Mitarbeiter genau dies den Betrieben abnehmen. Glaubwürdigkeit ist gefragt. Sonst isst die Angst um den Arbeitsplatz die Seele des Mitarbeiters auf. Der gesamtwirtschaftliche fatale Rückkoppelungseffekt für die Arbeitsleistung und den Arbeitsmarkt, der darin schlummert, liegt auf der Hand für jeden mittelklugen Betriebs- und Volkswirt.

 

Weder der Psycho-Report 2015 der DAK noch die darin zu Wort kommenden Experten gehen freilich vertieft darauf ein, was es für unser Land, die Betriebe und den einzelnen Arbeitnehmer heißt, wenn wir psychisch ausbrennen und dadurch ökonomisch langsam verbrennen könnten. Wir haben deshalb bei einem Wissenschaftler und Nervenheilkundler nachgefragt, der den Clou von psychischen Leiden, Leistungsgesellschaft und Sicherheitserwartungen kritisch zusammendenkt, weit über seinen medizinischen Tellerrand hinaus und deshalb gegen den Strich des allbekannten Mainstream über Burnout gebürstet. Spannend. Wen kümmert es, wenn die Seele des Mitarbeiters nicht nur nicht mehr baumeln, sondern sogar streiken will? Den Arzt doch sicher, meinen wir. Hier also die erfrischend provozierende Sichtweise des Facharztes für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde Dr. Markus R. Pawelzik, Ärztlicher Direktor der renommierten EOS-Klinik in Münster.

 

3. Wen kümmert es, wenn die Seele nicht mehr baumeln will? Die Sicht des Facharztes

 

  • „Wir sind gesundheitspsychologische Analphabeten!“
  • Burnout – wehleidiges Luxusproblem von Managern oder Suchbegriff für ein „ganzheitliches“ Leben voller Achtsamkeit privat und im Job für jedermann?


Durchaus provozierende Sichtweisen des Facharztes für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde Dr. Markus R. Pawelzik, Ärztlicher Direktor der EOS-Klinik, Münster.

 

Dr. Pawelzik, Burnout ist in aller Munde. Werden wir immer erschöpfter gemacht oder werden wir nur immer wehleidiger?

 

Pawelzik: Burnout ist nicht hinreichend definiert. Dadurch können wir es nicht messen beziehungsweise „Erschöpfung“ nicht von „wehleidig“ und von verschiedenen anderen Phänomenen wie Depression unterscheiden. Aber diese Begriffe gehören sowieso nicht zu meinem Repertoire. Ich setze ganz anders an.

 

Wie nehmen wir Belastungen wahr? Wie deuten wir Symptome? Wann gehen wir überhaupt zum Arzt?

 

Pawelzik: Die Antwort auf diese Fragen nennen die Medizinsoziologen „Illness Behaviour“ (so David Mechanic – frei übersetzt: unser Krankheitsverhalten, oder noch besser, unsere kulturvermittelte Interpretation von Symptomen und der Inanspruchnahme von Behandlungsmöglichkeiten). Wie wir mit Krankheitserleben umgehen, ist kulturabhängig – Frauen und Männer, Juden und Christen, Protestanten und Katholiken reagieren anders, was die Wahrnemungsschwelle und die Bewertung von Symptomen betrifft. Wann gehe ich zum Arzt oder doch eher zum Heilpraktiker – diese Dinge werden maßgeblich durch unser „Illness Behavior“ bestimmt.

 

Meine These zur Burnoutdiskussion lautet: Unser „Illness Behaviour“ hat sich offensichtlich geändert. Machen wir uns – bezogen auf hiesige Verhältnisse – klar: Obwohl wir heute weniger beziehungsweise weniger schwer als früher arbeiten und mehr Absicherungen in Anspruch nehmen können und alles besser organisiert ist in der Arbeitswelt, klagen die Leute zunehmend über ‧Erschöpfung. Zugleich kommt es zu folgendem Paradox: Psychische Krankheiten, psychische Störungen im weitesten Sinn, werden als stigmatisierend erlebt. Normalerweise sind die Leute zum Beispiel nicht bereit, sich als „depressiv“ zu bezeichnen. Und jetzt haben wir den bemerkenswerten Umstand, dass Leute sich selber als „ausgebrannt“ diagnostizieren.

 

Burnout wird als wesentlich weniger stigmatisierend erlebt. Denn in dem Begriff streckt eine moralische Rechtfertigung: Ich kann nur ausgebrannt sein, wenn ich einmal gebrannt habe. Die Zunahme an subjektiver psychischer Belastetheit geht mit einem Legitimationsmuster einher.

 

Ist nun das Phänomen Burnout oder das Denken und Reden darüber das Kernproblem? Bestimmt unser Denken und Reden über Bunout den Burnout, oder ist es umgekehrt?

 

Pawelzik: Meines Erachtens darf man die objektiven Arbeitsbedingungen, die für Burnout verantwortlich gemacht werden – Arbeitstakt, digitalisierte Arbeitswelt, ständige Erreichbarkeit etc. – nicht allein verantwortlich machen, sondern muss auch veränderte Muster von „Illness Behaviour“, das heißt den Einfluss sozialer Diskurse, und die eigenen Ambitionen in Betracht ziehen. Letztere – kollektive und individuelle Ansprüche und Erwartungen – halte ich für wesentlich wirkmächtiger als den ganzen Rest. Warum? Weil wir Menschen extrem anpassungsfähig sind. Wir haben uns schon an Untertagearbeit in niedrigen Stollen 16 Stunden am Tag angepasst. Damals haben wir nicht über Erschöpfung geklagt, sondern über Hunger. Es sind nicht allein die Arbeitsbedingungen, sondern nicht minder kollektive Interpretationsmuster, die das „Illness Behaviour“ bestimmen und deshalb Anlass für unsere Klagen geben. Damit ist keineswegs in Abrede gestellt, dass sich die Betroffenen erschöpft fühlen. Viele, die beim Psychiater vorstellig werden, sind ohne Frage depressiv.

 

Was ist heute so anders in unserer Arbeitswelt, dass Burnout immer und überall ist – und es offenbar eine Zeit gab, als schon der Begriff nur Achselzucken und Stutzen erweckt hätte?

 

Pawelzik: Die Gesundheits-/Krankheitsgrenze verschiebt sich unter dem Einfluss von Wohlstand und medizinischen Möglichkeiten. Beispiel: Vor 150 Jahren hätte ein 50-jährger Mann mit einer kompletten Hüftgelenksarthrose, also einer steifen Hüfte und mit irrsinnigen Schmerzen, noch Kartoffeln ausgebuddelt. Heute ist dieser 50-Jährige schon vollzeitberentet, pensioniert als Beamter, hat ein künstliches Hüftgelenk und wandert in den Alpen.

 

Wir müssen einfach feststellen: Wir sind reich, und wir haben eine wunderbare Medizin, die uns spektakuläre Möglichkeiten eröffnet. Deswegen ist unsere Leidensbereitschaft deutlich geringer. Die Ansprüche an Wohlbefinden, an Schmerzfreiheit und so weiter waren noch nie so hoch wie heute. Das muss einmal gesagt werden. Denn das ist der Hintergrund der ganzen Diskussion.

 

Gibt es einen Zusammenhang von psychischen Belastungen und körperlichen Erkrankungen?

 

Pawelzik: Der Zusammenhang ist ganz grundlegend. Denn es gibt ja nur einen Organismus, an dessen gesundheitlichen Schicksal alle Organe und Systeme beteiligt sind. Was eine große Rolle spielt für das Nervensystem ist zum Beispiel das Immunsystem. Deutlich wird dies anhand verhaltensabhängiger chronischer Entzündungsprozesse im Körper. Entzündungen kommen nicht nur daher, dass irgendwelche Keime in den Körper eindringen. Entzündungen entstehen auch „einfach so“ aufgrund der veränderten bio-psycho-sozialen Situation des Organismus. Beispiel: Alle Übergewichtigen haben erhöhte Entzündungswerte. Warum? Weil die Fettzellen anfangen, entzündungsfördernde Stoffe abzugeben. Folge sind chronische unterschwellige Entzündungen, was natürlich für Nervenzellen schlecht ist. Für neurologische Erkrankungen bis hin zur Depression steigt das Risiko, wenn chronische Entzündungen in Gang gesetzt werden.

 

Warum hören wir davon so wenig von unseren doch gut ausgebildeten Ärzten?

 

Pwaelzik: Wir leben in Zeiten großer Missachtung des vorhandenen Wissens. Deutlich wird dies zum Beispiel an dem Kästchendenken, das Orthopäden, Neurologen etc. daran hindert, über die Grenzen ihres Fachs hinaus zu schauen.

 

Psycho-soziale Zusammenhänge – auch wenn sattsam bekannt – bleiben typischerweise als erste auf der Strecke. Dass das Leben ein biosozialer Zusammenhang ist, und dass mein soziales Wohlbefinden einen erheblichen Einfluss auf meine Gesundheit hat – etwa wie meine Stress-Systeme und mein Immunsystem funktionieren, welche Morbiditätsmuster ich entwickeln werde und ich sterben werde – steht außer Frage. Viele Zusammenhänge dieser Art sind gesichert, bleiben in der Praxis aber unberücksichtigt. Zwei Stichworte: Übergewicht ist total wichtig, Schlaf und Schlafstörungen sind total wichtig. Nicht erholsamer Schlaf ist der Killer schlechthin. Insbesondere die Rolle des Schlafs bei der Entstehung von Erschöpfung leuchtet jedem Kind ein.

 

Also doch: einfach mehr „ganzheitlich“ leben, und alles wird gut!?

 

Pawelzik: Das ist trivialerweise richtig. Nur, was wird von unseren „Ganzheitlichkeits-Verteidigern“ eigentlich verkauft? Meist recht naive „Patentrezepte“, deren empirische Überprüfung fehlt. Das komplexe, dynamische Zusammenhänge wirken, ist trivial, aber zugleich schwer zu fassen, nicht zuletzt aus methodischen Gründen. Aber wir können mit Sicherheit davon ausgehen, dass wir dynamische Systeme sind, die in Systemzusammenhängen existieren. Da spielen intra-organismische Prozesse genauso eine Rolle wie inter-organismische, etwa zwischenmenschliche Prozesse.

 

Wie ist dann das Verhältnis von Eigen- und Fremdverantwortung für unser Burnout-Risiko zu sehen? Was kann und muss ich selbst für mich tun, was kann und muss ich von anderen, zum Beispiel von meiner Firma, erwarten, wenn ich das richtige Ziel eines ganzheitlichen Lebens – und weil es auch etwas kleiner geht: eines gesunden psychisch-physischen Lebens – verfolge?

 

Pawelzik: Was ich aus der Burnout-Diskussion gelernt habe, nennen die Soziologen „Subjektivierung der Arbeit“. Was ist damit gemeint? Wir alle wollen heute immer mehr nach unseren Vorstellungen und Wünschen leben. Dies schließt die Berufsarbeit ein, die heute weniger entfremdet beziehungsweise weniger unmittelbar fremd bestimmt ist. Die Arbeitswelt hat die intrinische Motivation des Arbeitnehmers entdeckt. Unsere Arbeit dient mehr denn je der Identifikation, der Selbstfindung und der Selbstverwirklichung. Dies geht mit Risiken einher, die schlicht auch darin bestehen, dass ich mich verausgaben kann, etwa weil ich über-engagiert bin oder mich vom Chef manipulieren lasse: „Müller, Sie sind unser bester Mann. Können Sie nicht heute Nacht nach Barcelona fliegen und dieses Ding drehen ...!?“ Die Tendenz, das Anliegen der Firma zum persönlichen Anliegen zu machen, kann man natürlich beklagen. Sie kann – unbestreitbar – Quelle von unverhältnismäßiger Belastung sein. Ja! Aber: Die Arbeit ist heute für viele auch viel stärker gratifizierend, das heißt: Ich habe auch viel mehr davon, wie ich arbeite! Arbeit ist für mich soziale Teilhabe, Identität, Quelle meines sozialen Status. Wenn sie dem Bild folgen, dann ist doch wohl klar, dass zunächst nur ich selber entscheiden kann, wie ich arbeite. Niemand anderer kann mir die Verantwortung abnehmen, das richtige Gleichgewicht zwischen beruflicher Selbstverwirklichung und gesundheitlicher Selbstsorge zu halten. Wollte man das Problem qua Organisation zu lösen versuchen, so bedürfte es einer betrieblichen Gesundheitsförderung neuen Stils. Wobei ich mir schwer vorstellen kann, dass sich ambitiöse Manager in dieser Hinsicht gerne beraten lassen. Die „Ent-Subjektivierung der Arbeit“, der zu Folge wir wieder zu unbeteiligten Befehlsempfängern werden, die nach 7,5 Stunden „den Löffeln fallen lassen“, dürfte für die meisten nicht interessant sein.

 

Dabei ist die Sache mit der Beratung alles andere als einfach. Nehmen wir als Beispiel eine gut sortierte große Buchhandlung. Die Ratgeberliteratur füllt von Jahr zu Jahr mehr Regalmeter. Und was folgt daraus? Nicht viel. Die meisten Einsichten bleiben fromme Vorsätze. Insofern müssten wir anfangen, neue Wege der erfahrungsgesteuerten Gesundheitsberatung und -förderung zu gehen. Wenn ich das richtig sehe, sind Unternehmen wie Google bereits auf diesem Weg.

 

Unsere gesundheitspsychologische Kompetenz ist, gemessen an dem, was wir heute können als Gesellschaft, extrem bescheiden. Ich behaupte, wir sind gesundheitspsychologische Analphabeten. Die Erkenntnisse, etwa der Neurowissenschaften, werden in der Ratgeberliteratur in Kinderbuchperspektive gebracht. Sie wären insofern leicht zu nutzen. Doch um dies zu tun, müssten wir uns selber ernster nehmen.

 

Müssen wir also zu den Erwartungen, die wir an uns selbst stellen, ab und zu sinnvoll Nein sagen lernen, um Burnout aus dem Weg zu gehen?


Pawelzik: Ja! Doch wir tun dies nicht. Mehr leisten, Mehr kriegen, Mehr erreichen! Das folgt aus unserer individualistischen Konsumidentität. Ich möchte auf allen Hochzeiten tanzen, alles mitnehmen. Selbstbescheidung und Demut sind mir fremd. Nur leider bin ich physisch begrenzt. Wer soll das aber erkennen, und wer soll sagen, jetzt muss ich einmal einen Auftrag ablehnen. Wer soll das entscheiden? Der Arbeitsorganisator der Firma? Wenn ich der Boss meiner beruflichen Kreativität bin, wird das wohl kaum gehen. Meines Erachtens ist diese Entwicklung in unserer Selbstoptimierungsgesellschaft eine nahezu zwangsläufige. Eigentlich müsste der Einzelne deshalb mehr Verantwortung für sich selbst übernehmen.

 

Aber, kann der Einzelne die Verantwortung überhaupt tragen? Wir sind eine soziale Spezies. Wir werden maßgeblich durch kulturelle Handläufe in unseren Verhalten bestimmt. Und diese Handläufe sind im Schwinden begriffen. Insofern stehen wir vor einem Dilemma. Ich glaube nicht, dass die Rechnung so aufgeht, wie ich sie eben etwas kühl normativ analysiert habe. Was wir an Verantwortung für uns selbst tragen müssten, können wir eben kulturell und psychologisch eher nicht tragen. Dazu gehört auch, das die Mehrzahl unserer Arbeitgeber den Arbeitnehmer (und seine Gesundheit) noch zu wenig als „Humankapital“ begreift.

 

Wir setzen uns selbst also zu sehr unter Druck. Andererseits haben viele Millionen Menschen keine Sprache für das, was mit ihnen vor sich geht, und genau deshalb verwendet der Laie das scheinbar geläufige, eingängige oder vom Nachbar und in der „Umschau“ oder durch die Ratgeberliteratur aufgeschnappte Wort vom „Burnout“. Trifft es das soweit?

 

Pawelzik: Das ist ein außerordentlich wichtiger Punkt. Wir wissen aus repräsentativen Umfragen, dass die Arbeitslosen die Erschöpftesten sind. Das muss man sich vorstellen: Die am wenigsten arbeiten, sind die Erschöpftesten. Das verwundert mich wenig. Denn soziale Teilhabe ist ganz entscheidend für das seelische und körperliche Wohlergehen. ‧Sozialer Ausschluss ist die schlimmste Strafe, die sie einem Menschen antun können. Diejenigen, die vom System ‧zurückgelassen werden, sind ganz folgerichtig in Gefahr, wesentlich kürzer zu leben, haben wesentlich früher Krankheitssymptome. Sie erkranken zum Beispiel wesentlich früher an Herzerkrankungen, haben hohen Blutdruck usw..

 

Was folgt daraus? Was ist die Quelle der sozialen Benachteiligung? Es ist immer die gleiche: Wissen ist Macht. Die Klügeren schicken Kinder ins Rennen, die klüger sein werden. Dagegen sind die aus sozial ungünstigeren Verhältnissen Stammenden für falsche Botschaften empfänglich, schauen mehr Fernsehen, glauben mehr Blödsinn und kapieren viele Zusammenhänge nicht. Und daraus folgt: Für diese Menschen, die Zurückgebliebenen, muss man gesellschaftlich etwas tun! Durch schlicht mehr Geld ohne Gegenleistung, ohne individuelle Förderung, verändern sich weder Verhalten noch Orientierung. Wir müssen die Dummen klug machen, die Passiven aktiv machen, die Übergewichtigen zum Abnehmen bringen. Aber das erfordert einen Paternalismus, eine wohlwollende Bevormundung, die in unserer Gesellschaft und in unserer politischen Kultur zur Zeit wohl unvorstellbar ist beziehungsweise noch keinen Stellenwert hat.

 

Das sind steile und für viele Ohren heikle Thesen, die die Gemüter erregen könnten, denn es klingt nach Autorität und sehr harter Information und Kommunikation. Burnout als Folge des Nichtwissens um die wirklichen Zusammenhänge? Und die Abhilfe erwarten Sie von mehr-Wissen über mich und meine Einflussnehmer, seien es die Medien oder der Chef oder – umgekehrt – das JobCenter, und vom besser-Verstehen dessen, was das mit mir macht.

 

Pawelzik: Das kann man aber einmal so in den Raum werfen. Ich als Mediziner muss dieses Dilemma zum Glück nicht auflösen. Ärzte sind keine reinen Gutmenschen. Wir bekommen Geld für Leistung. Zugleich sind wir auf die Förderung des Wohls unserer Patienten verpflichtet. Wenn wir eine ganzheitliche Perspektive ernst nehmen, dann spielt die entsprechende Beratung eine wesentliche Rolle. Das persönliche Gespräch mit dem Mediziner ist für mich der Hebel. Das System der Arbeit hat bislang kein Interesse an dieser Beratung. Das kann man an der Honorierung der „sprechenden Medizin“ ablesen. Aber wir als Mediziner sind im Sinne des Patienten dazu verpflichtet! Wir sollen und wollen auf das Verhalten des Patienten einwirken. Der Patient soll aktiv werden. Mediziner und Patienten dürfen sich nicht auf Feststellung beschränken, dass das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist.

 

Damit dies gelänge, bräuchten wir eine „Gesundheitskultur“. Das ist unpopulär, das hat gewisse Untertöne. Aber alle Kulturen, die unsere Völkerkundler untersuchen, haben genau das. Was sollst du essen, was nicht, wann sollst du fasten, wie sollst du mit deinem Körper umgehen, welche geistigen und seelischen Rituale zur inneren Reinigung und Wiederherstellung verfolgst du? Alles das liefert Kultur – nur unsere kaum noch. Anstelle dessen gehen wir sofort zum Arzt, wenn „der Motor stockt“. Und der Arzt soll jetzt wieder die Zahnräder zusammenfügen. Allerdings ist das Problem meist das Ergebnis einer längerdauernden Fehlentwicklung – die sich nur schwer korrigieren lässt. Wir werden zu diskutieren haben, wie weitgehend die Treuhänderpflichten des Arztes in Zukunft zu verstehen sind.

 

Vielen Dank für das Gespräch.