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Erste Hilfe im Betrieb

Mit dem Schraubendreher abgerutscht, auf der Treppe gestolpert, ans Bohrfutter gekommen, plötzlich zusammengebrochen – Unfälle und Notfälle bei der Arbeit kommen täglich vor. Wenn etwas geschehen ist, kommt es darauf an, möglichst schnell und professionell Erste Hilfe zu leisten. Das Unternehmen muss dafür die Voraussetzungen schaffen, Sicherheitsbeauftragte können es unterstützen.

Trotz technischer Schutzmaßnahmen, einer guten Organisation im Betrieb und umsichtigen Verhaltens ist niemand vor dem nächsten Notfall vollständig gefeit. Daher ist es wichtig, die betriebliche Erste Hilfe im Blick zu behalten und regelmäßig zu überprüfen, wie gut das eigene Unternehmen auf den plötzlichen Notfall vorbereitet ist. Den Sicherheitsbeauftragten kommt hierbei die Aufgabe zu, die Augen offen zu halten und die Führungskräfte und den Unternehmer bei der Organisation der Ersten Hilfe zu unterstützen. Die Leitfrage sollte dabei sein: „Kann allen Kolleginnen und Kollegen jederzeit im Notfall geholfen werden?“

 

Dabei muss die Erste Hilfe möglichst sofort und möglichst fachgerecht geleistet werden. Sofort bedeutet, dass unverzüglich geholfen werden kann, um bei verletzten Personen gesundheitliche Schäden zu verhindern oder zu minimieren. Gerade bei lebensbedrohlichen Situationen, zum Beispiel bei Eintritt von Bewusstlosigkeit, kann nicht gewartet werden. Eine gestörte Sauerstoffversorgung des Gehirns hat bereits nach wenigen Minuten fatale Folgen für die Betroffenen – die durch Erste-Hilfe-Maßnahmen häufig leicht verhindert werden können. Die fachgerechte Erstversorgung wird vor allem durch ausgebildete Ersthelferinnen und Ersthelfer sichergestellt.

 

Die folgenden Punkte ermöglichen eine Überprüfung der Erste-Hilfe-Organisation im eigenen Unternehmen und können als Argumentationshilfe dienen.

 

Anzahl der Ersthelferinnen und Ersthelfer

 

Seit vielen Jahren hat sich die 5-Prozent- beziehungsweise 10-Prozent-Regel bewährt. 5 Prozent der anwesenden versicherten Personen müssen in Verwaltungsunternehmen in Erster Hilfe ausgebildet sein und im Notfall zur Verfügung stehen. In allen anderen Unternehmen sind es 10 Prozent. Die Zahlen stellen hierbei Mindestwerte dar, die nicht unterschritten werden dürfen. Da in der Praxis nicht immer alle Ersthelferinnen/Ersthelfer vor Ort sein werden – man denke an Gleitzeitregelungen, Urlaub, krankheitsbedingte Abwesenheit, Fortbildungen etc. – müssen meistens mehr als 5 beziehungsweise 10 Prozent der Beschäftigten ausgebildet werden.

 

Hier und da sind die Sätze zu hören: „Warum 5 Prozent? Das ist doch viel zu viel. Bei uns passieren ohnehin keine schweren Unfälle.“ In Zeiten insgesamt sinkender Unfallzahlen mag dieses Argument auf den ersten Blick sogar nachvollziehbar klingen, jedoch werden die „inneren“ Notfälle wie Kreislaufstörungen, Herzstillstand und ähnliches dabei gerne übersehen. Gerade dann ist die sofortige Erste Hilfe notwendig und jede helfende Hand wird benötigt, um die betroffene Person zu retten. Im Falle eines Kreislaufstillstandes ist folgendes Szenario denkbar: Zwei Helfer reanimieren die betroffene Person, eine weitere Helferin setzt den Notruf ab und übernimmt die Einweisung des Rettungsdienstes, ein weiterer Helfer holt das AED-Gerät und nimmt es am Notfallort in Betrieb.

 

Das Beispiel zeigt, wie wichtig eine ausreichende Anzahl an Ersthelferinnen und Ersthelfern für eine optimale Hilfe im Notfall ist. Die einfache Gegenrechnung kann ein zusätzliches Plädoyer für eine ausreichende Ersthelfer-Quote sein: 5 Prozent bedeutet eben auch, dass 95 Prozent der Belegschaft keine aktuelle Erste-Hilfe-Ausbildung haben!

 

Die Ausbildung in Erster Hilfe wurde im Jahr 2015 auf einen Tag verkürzt. So kann häufig ohne großen Aufwand die Anzahl der Ersthelferinnen und Ersthelfer angepasst werden. Der Erste-Hilfe-Kurs für Führerscheinbewerber ist heute in der Regel identisch mit der Ausbildung in betrieblicher Erster Hilfe, das heißt, dass junge Berufseinsteiger unter Umständen direkt als Ersthelfer oder Ersthelferinnen benannt werden können.

 

Erste-Hilfe-Material

 

In der DGUV-Regel 100–001 „Grundsätze der Prävention“ können die Mindestmengen für Verbandmaterialien nachgelesen werden. Ein kleiner Betriebsverbandkasten stellt die Minimallösung dar. Auch hier gilt es, die besonderen betrieblichen Bedingungen zu berücksichtigen: Kann das Verbandmaterial schnell genug erreicht werden? Statt nur zentral einen (großen) Verbandkasten bereitzustellen, ist es häufig sinnvoller, zum Beispiel auf jeder Etage eines mehrstöckigen Gebäudes jeweils einen (kleinen) Verbandkasten aufzuhängen. Ein einheitlicher Ort – immer rechts neben der Flurtür, immer in der Teeküche etc. – erleichtert das Auffinden. „Wer soll das alles kontrollieren und nachfüllen?“ – Richtig, die verantwortlichen Personen müssen regeln, wer die Kontrolle des Verbandmaterials übernimmt.

 

Hierbei kann die Arbeit für alle Beteiligten erleichtert werden, wenn die Verbandkästen „verplombt“ werden. Mit Hilfe eines Klebestreifens als Siegel lässt sich auf einen Blick überprüfen, ob der Verbandkasten geöffnet wurde oder nicht. So können unnötige Kontrollen auf einfache Weise vermieden werden. Fallen häufiger kleinere Verletzungen an Fingern und Händen an, zum Beispiel im Werkstattbereich, hat sich ein Pflasterspender bewährt, aus dem einzelne Pflaster (Wundschnellverbände) direkt herausgezogen werden können. Somit bleibt der Verbandkasten bei kleineren Verletzungen unangetastet und muss nicht jedes Mal aufwändig kontrolliert und aufgefüllt werden.

 

Aktuelle Informationen für Beschäftigte

 

Wissen alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wer die Ersthelferinnen/Ersthelfer sind, wo sich die Verbandkästen befinden, wie der Notruf abgesetzt wird, wie der Rettungsdienst eingewiesen wird …? Mindestens einmal pro Jahr sind alle Beschäftigten entsprechend zu unterweisen. „Schon wieder eine langweilige Unterweisung!“ hört man da von manchem Kollegen. Haben Sie bei der Unterweisung schon einmal vom letzten Unfall berichtet und gemeinsam diskutiert, wie die Erste Hilfe abgelaufen ist? Gibt es vielleicht ein Bild der Unfallstelle, das bei der Unterweisung gezeigt werden kann?

 

Mit einem Bezug zum aktuellen Geschehen im Unternehmen fällt es häufig leichter, die Aufmerksamkeit der Teilnehmenden zu gewinnen und alle Kolleginnen und Kollegen von der Relevanz des Themas Erste Hilfe zu überzeugen. Eine weitere Möglichkeit: Gehen Sie, statt Theorie im Besprechungsraum zu unterweisen, mit den Beschäftigten die wichtigsten Erste-Hilfe-Einrichtungen ab.
Besuchen Sie die Arbeitsplätze der Ersthelfer, werfen Sie gemeinsam einen Blick in den Verbandkasten und besprechen Sie auf einem Rundgang, an welchen Stellen der Rettungsdienst bestmöglich eingewiesen werden kann.

 

Defibrillation im Betrieb

 

Nicht vorgeschrieben, aber höchst sinnvoll. Immer mehr Unternehmen entscheiden sich für die Anschaffung eines oder mehrerer AED. Da beim plötzlichen Herzstillstand fast immer ein so genanntes Herzkammerflimmern auftritt, kann der Einsatz des Defibrillators Leben retten. Der Stromstoß des AED beendet das Flimmern des Herzmuskels und erlaubt damit wieder einen normalen Herzschlag. Leben kann mit der Defibrillation vor allem in den ersten Minuten nach dem Herzstillstand gerettet werden. Je später defibrilliert wird, zum Beispiel durch den nach 10 Minuten eingetroffenen Rettungsdienst, desto schlechter sind die Überlebenschancen der betroffenen Person. Neben den Anschaffungskosten des Gerätes ist zu berücksichtigen, dass die Ersthelferinnen und Ersthelfer in die Geräte eingewiesen werden und sich eine Person um die Wartung des Gerätes kümmern muss.

 

Die Einführung eines AED kostet also etwas Geld und etwas Zeit, jedoch steht die mögliche Rettung eines Menschenlebens dem gegenüber. Ein wichtiger Ansprechpartner bei der Einführung der Defibrillation ist der Betriebsarzt oder die Betriebsärztin, der beziehungsweise die mit vielen fachlichen Argumenten unterstützen kann. Auch wenn ein oder mehrere AED im Unternehmen zur Verfügung stehen, müssen ausreichend Ersthelferinnen und Ersthelfer da sein, denn die Defibrillation wird nur zusätzlich zur Reanimation durchgeführt. Die Herzdruckmassage steht weiterhin an erster Stelle, es wird also kein Ersthelfer „überflüssig“.

 

Neben diesen Punkten gibt es meistens noch weitere Dinge zu berücksichtigen, zum Beispiel eine eindeutige Kennzeichnung der Erste-Hilfe-Einrichtungen oder die Dokumentation der Erste-Hilfe-Leistungen im Verbandbuch oder per Meldeblock. Oberstes Ziel sollte stets die Ausgangsfrage sein, ob allen Kolleginnen und Kollegen jederzeit geholfen werden kann. Mit einer guten Organisation der Ersten Hilfe kann das eigene Unternehmen dem nächsten Notfall etwas gelassener entgegentreten. Das Gefühl der Sicherheit und die Erkenntnis „mir wird im Notfall geholfen“ sind nicht zu unterschätzen.

 

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DGUV-Handbuch zur Ersten Hilfe überarbeitet

 

Die DGUV Information 204–007 „Handbuch zur Ersten Hilfe“ wurde inhaltlich und redaktionell überarbeitet. Mit der Ausgabe Januar 2017 steht das Standardwerk für betriebliche Ersthelferinnen und Ersthelfer aktualisiert und in neuem Format zur Verfügung.

Das Handbuch kann als Begleitung während der Erste-Hilfe-Ausbildung eingesetzt werden und dient als Nachschlagewerk im betrieblichen Alltag. Es enthält alle relevanten Themen der betrieblichen Ersten Hilfe. Dabei stehen vor allem (lebens-)wichtige Inhalte im Mittelpunkt, zusätzliche Informationen und weitere Hinweise für den Ersthelfer sind gesondert gekennzeichnet. Das neue Handbuch berücksichtigt die aktuellen Richtlinien des ERC zur Ersten Hilfe aus dem Jahr 2015.

 

 

Weitere Informationen:

 

  • Erste Hilfe-Plakat (DGUV-Information 204–001, link), 
  • Automatisierte Defibrillation im Rahmen der betrieblichen Ersten Hilfe (DGUV-Information 204–010, link)
  • Handbuch zur Ersten Hilfe (DGUV-Information 204–007, link)
  • Meldeblock (DGUV-Information 204–021, link)

 

Weitere Materialien hier.